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Ein Familien-Codewort kann Tausende Franken schützen

Betrüger klonen heute Stimmen von Familienmitgliedern mit wenigen Sekunden Audiomaterial. Der "Hallo Mami/Papi"-Betrug trifft jede Woche Menschen in der Schweiz. Das Bundesamt für Cybersicherheit zählte 2025 knapp 65'000 Meldungen zu Cybervorfällen, ein Viertel davon betraf betrügerische Telefonanrufe. Ein Familien-Codewort oder eine persönliche Frage kann im Ernstfall verhindern, dass Tausende Franken an Kriminelle fliessen. Dieser Beitrag erklärt, wie das funktioniert und wer unbedingt einbezogen werden sollte.

Eine Familie sitzt zusammen am Tisch und schaut auf ein Smartphone
Bild: Google Gemini / Web Professionals

Die Stimme deines Enkels. Er habe einen Unfall gehabt, brauche sofort Geld für die Kaution, könne selbst nicht anrufen. Du hörst Weinen, Stress, echte Angst. Und überweist. Wenige Stunden später stellst du fest: Dein Enkel war den ganzen Tag bei der Arbeit.

Was hinter den Anrufen steckt

Was wie ein schlimmer Traum klingt, passiert in der Schweiz täglich. Das Bundesamt für Cybersicherheit (BACS) zählte 2025 knapp 65'000 Meldungen zu Cybervorfällen. Ein Viertel davon betraf betrügerische Telefonanrufe. Die Methoden dahinter werden besser, nicht schlechter.

Der Grund ist Voice Cloning. Kriminelle brauchen nur wenige Sekunden Audiomaterial, um eine Stimme digital zu kopieren. Ein kurzes Video auf Instagram, ein Sprachmemo in einer WhatsApp-Gruppe, ein Telefonmitschnitt. Das reicht. Die geklonte Stimme klingt täuschend echt, mit natürlicher Betonung, Pausen, sogar Atemgeräuschen.

Der "Hallo Mami/Papi"-Betrug kommt jetzt auf Schweizerdeutsch

Dazu kommt der "Hallo Mami/Hallo Papi"-Betrug, vor dem das BACS im April 2026 erneut gewarnt hat. Betrüger schreiben via iMessage oder WhatsApp, geben sich als Kind aus, behaupten, sie hätten ein neues Handy, und bitten um Geld. Neu: Sie schreiben teilweise auf Schweizerdeutsch und verwenden ausländische Nummern oder iCloud-Adressen. Im Kanton Bern wurden in mehreren Fällen Beträge von über 10'000 Franken überwiesen.

Ein Wort schützt die ganze Familie

Was schützt dagegen? Keine App, kein Virenscanner, keine Technik. Ein Wort, oder eine Frage.

Das Familien-Codewort ist ein Begriff, den alle kennen. Nicht nur Eltern und Kinder. Auch Grosseltern, Götti und Gotte, Onkel und Tanten. Je grösser der Kreis, desto lückenloser der Schutz. Betrüger geben sich nicht nur als Enkel aus. Sie spielen auch das Patenkind, den Neffen, die Nichte oder die Cousine.

  • Wähle ein Wort oder eine Frage ohne offensichtlichen Bezug zur Familie, das nirgendwo öffentlich steht.
  • Informiere alle Generationen: Grosseltern, Eltern, Kinder, Götti und Gotte, enge Verwandte.
  • Gib das Codewort mündlich weiter. Nicht per SMS, nicht per WhatsApp, nicht per E-Mail.
  • Legt fest, wann es eingesetzt wird: bei unerwartetem Kontakt mit Geldforderung oder bei Nachrichten von einer unbekannten Nummer.

Im Ernstfall fragst du nach dem Codewort. Wer es nicht kennt, ist nicht, wer er vorgibt zu sein. Eine geklonte Stimme kennt das Codewort nicht.

Eine persönliche Frage funktioniert genauso

Wer kein Codewort abmachen möchte, kann eine persönliche Frage als Alternative nutzen. Ich habe das selbst erlebt. Meine Cousine, die in Costa Rica lebt, hat mir via Facebook Messenger eine Nachricht geschickt. Die Nachricht wirkte seltsam, obwohl der Absender eindeutig ihr Profil war. Ich habe sie nach einem Detail aus unserer Familie gefragt, das nur sie kennen konnte. Sie hat korrekt geantwortet. Die Nachricht war echt. Aber der Reflex, kurz innezuhalten und zu prüfen, hat sich bewährt.

Die Frage muss so gewählt sein, dass nur echte Familienmitglieder antworten können. Kein Geburtsdatum, kein Schulname, nichts, das in sozialen Medien steht oder erraten werden kann. Mögliche Beispiele: "Wie heisst unsere Katze aus der Kindheit?" oder "Wo haben wir letzten Sommer zusammen gegessen?"

Im Zweifelsfall: auflegen und zurückrufen

Das Codewort ersetzt nicht den gesunden Menschenverstand. Wer anruft und auf sofortige Zahlung drängt, verhält sich verdächtig. Echte Notfälle haben Zeit für einen Rückruf auf die bekannte Nummer. Wer auf Druck reagiert, verliert. Wer auflegt und zurückruft, gewinnt meistens.

In unserem Kurs "Sicherheit im Internet" in Grabs besprechen wir genau solche Situationen, mit konkreten Beispielen aus der Schweiz und Raum für deine Fragen.